Das Vieraugengesicht der 90er Jahre

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Sandmann
Gepflegt ist der 210 ein treuer Begleiter.
Motointegrator

Die Baureihe 210 von Mercedes-Benz hat vieles anders gemacht als ihr klassischer Vorhänger und wird heute an den Stammtischen vor allem wegen der Rostproblematik beschimpft.

Mercedes-Benz
Eine neue Klasse, heute sehr selten.

Die E-Klasse der 90er Jahre, stolzer Red Dot Design Award Gewinner, hat schon kleine Displays und einen OBD Stecker zum Auslesen. Das macht sie als „Klassiker“ für viele zu modern. Interessanterweise sagten das auch schon 1995 einige Zeitgenossen, als sowohl der Wagen als auch die kritischen Stimmen selbst noch jung waren. Der Vorgänger W 124 hatte sich so in den Köpfen festgesetzt, dass viele den noch heute als typisches Taxi nennen würden. Und dann das! Ausladend geschwungene Kotflügel und elliptische Doppelscheinwerfer, die sich als Designelemente in der Mittelkonsole, den Griffschalen und sogar den Rücklichtern in der Heckklappe wiederfanden. Ein „Vierauge“!

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Im T-Modell ist unglaublich viel Platz.

Bewährtes in neuem Gewand

Also gucken wir mal mit dem Blick des Daily Drivers drauf. Technisch setzte man damals in Sindelfingen auf einen Mix aus Bewährtem und Neuem. Doppelquerlenker vorn und Raumlenkerhinterachse sowie Zahnstangenlenkung mit Servounterstützung waren Standard. Traktionskontrolle und elektrische Fensterheber gab’s dazu, einen Regensensor für den Einarmwischer, Klimaautomatik, das COMAND System (ab 1998) und die Parktronic konnten erstmals in einer E-Klasse dazugebucht werden. Mit diesem Setup schwimmt die Baureihe 210 auch heute noch komfortabel im Alltag mit.

Benzin oder Diesel?

Das Vierauge wird von einer Vielzahl an Motoren hinter dem „Waffeleisen“ Kühlergrill angetrieben. Der schon aus der C-Klasse bekannte Vierzylinder M 111 dreht als 200 und 230, der legendäre Reihensechser M 104 wurde 1997 durch den V-Motor M 112 ersetzt. Wer den nicht mag greift zum V8, auch der passt noch ganz gut in den großen Motorraum.

Benzin oder Diesel?
Der kleine Diesel ist genügsam und robust.

Die Selbstzünder gaben sich zu Beginn der Produktion herrlich klassisch. Die OM 604 Vierzylinder wurden noch getoppt vom Fünfzylinder OM 602, der als E 290 Turbodiesel in die Geschichte einging. Dieses mechanische Bollwerk war der erste Direkteinspritzer der Marke, allerdings noch ohne Common Rail und mit nur zwei Ventilen pro Zylinder. Sechszylinder Selbstzünder hatte man auch im Programm, und besonders die ab 1998 gebauten CDI Motoren sind auch inzwischen legendär für ihre Haltbarkeit und ihre Genügsamkeit. Bei allen Motoren erfolgt der Ventiltrieb über Steuerketten, die Nebenaggregate werden über Rippenriemen am Rotieren gehalten.

Mercedes-Benz
E-Klasse, urlaubstauglich.

MoPf und die klassischen Ausstattungen

Die Ur-E-Klasse ist in ihrem Design und ihrem Handling inzwischen auch für damalige Kritiker meist ehrenhaft gealtert. Mit der großen Modellpflege 1998 änderte sich die äußere Erscheinung. Die Schürzen wurden modifiziert, die Nase kam flacher, die seitlichen Blinker wanderten in die Außenspiegel und Anbauteile wurde in Wagenfarbe lackiert. Über 1800 Teile änderte der Konzern und ließ der Baureihe 210 damit das Prädikat „ausgereift“ zuteilwerden. Die Ausstattungen „Classic“, „Elegance“ und „Avantgarde“ ließen je nach familiärer Vorprägung keine Wünsche offen. Die Farben und Muster der 90er Jahre konnten wundervoll kombiniert werden.

Mercedes-Benz
Alles ist da, wo man es vermutet.

Ganz anders als in dem kargen Gestühl des Vorgängers sitzt es sich in einem Vierauge kommod und geborgen. Die wuchtigen, weit entfernten Armaturen füllen den großen Raum, die Mittelkonsole ist ausladend. Haptische Knöpfe und Drehschalter sind sinnvoll und intuitiv angeordnet, selbst dieser dicke Multifunktionshebel schaltet noch links hinter dem Lenkrad vor sich hin. Individuell für jede Ausstattung angefertigtes Echtholz soweit das Auge reicht, dank Lackierung wie immer bei Mercedes unechter wirkend als das Laminat im Eingangsbereich der Mietwohnung.

Sandmann
Fast wie nach Hause kommen.

Weit vorn auf der geschwungenen Haube thront der Stern, und irgendwo ganz weit hinten klappen die pneumatischen Kopfstützen auf. Willig dreht der Motor am 5-Gang Automaten, der sich ab und an (alle 60.000km spätestens) über frisches ATF freut. Dieser Mercedes-Benz gleitet dahin und lässt, wie eine S-Klasse, die laute und wirre Welt auf Wunsch einfach draußen. Mehr „echter Mercedes“ geht nicht. Weniger schon.

Unterboden
Leidensfähigkeit wird am Unterboden bewiesen.

Die Sache mit dem Rost…

Ja, es gibt viel Rost an diesem Auto. Schon in den letzten Jahren des Vorgängers wurden Wasserbasislacke verwendet, die zusammen mit dem Bakterienbefall in den Tauchbädern und den Tanks der Spritzroboter chargenweise für eine unterdurchschnittliche Rostvorsorge sorgten. Das setzte sich bei der Baureihe 210, ergänzt durch schlechte Entgratung der Bleche, auf dramatische Weise fort.

Unterboden
Ein Schweißgerät ist da von Vorteil.

So kam es oft zu Durchrostungen an völlig unkonventionellen Stellen, nicht nur an den Kanten oder den Heckklappen, sondern auch mitten auf dem Dach oder den Anbauteilen. Federteller brachen, von innen abgerostet, aus ihren Schweißpunkten am Träger, Federbeine knickten weg, Batterien fielen durch den Unterboden auf die Straße. Aber es gab auch Fahrzeuge, die davon unberührt blieben. Widmen wir uns denen.

Mercedes-Benz
Zuladung? Äh, ja.

Immer noch familientauglich!

Auch eine 210er E-Klasse mit wenig Rost ist heute ein altes Auto. Unser Familien-Avantgarde mit dem grauen Vogelaugenahorn war über die Jahre der Daily Driver Archetyp der Mängel. Immer wieder brannten Lampen durch. Die Xenon Brenner hatten sogar Glasdeckel, die sich aber nicht abnehmen ließen. Das Doppelventil für die Heizung vor der Windschutzscheibe hing fest und im Inneren wurde es nicht warm. Tauschen dauert 20 Minuten. Die Dichtung am Automaten zum Steuergerät wurde porös, und durch den Kapillareffekt saugte sich Öl über den Kabelbaum bis ins Steuergerät und killte es. Luftmassenmesser und Kurbelwellensensoren machen bei den Benzinern irgendwann die Grätsche. Und die Displays im Kombiinstrument bekommen im Alter Pixelfehler. Also kauft man eine Leiterfolie für 8 Euro und setzt die sauber ein. Das dauert mit Ausbau 45 Minuten, und alle Pixelfehler sind Geschichte.

Mercedes-Benz
Er macht eine gute Figur.

Gute 210er werden langsam teuer. Von Sondermodellen wie dem E 50 oder E 55 von AMG sprechen wir da gar nicht, auch die „normalen“ E-Klassen sowohl mit 4MATIC als auch ohne ziehen an – wenn sie denn wenig Rost haben. Rostfreie gibt es nicht, munkelt man. Aber rentnergepflegte Limousinen mit wenigen Kilometern sind definitiv eine Sünde wert. Selbst das T-Modell mit seinem unfassbaren Laderaum von fast 2000 Litern hinter dem aufklappbaren Elefantenbuckel ist irgendwie elegant und definitiv alltagstauglich und trägt euch mit vier Personen und Gepäck zuverlässig von Kiel bis nach Saint Tropez. Ich habe Beweise.

Bremsscheibe
Verschleißteile wie Bremsen sind problemlos zu bekommen.

Technisch ist ein 210 sogar besser zu warten als der gute Nachfolger 211, vieles gibt es noch direkt „beim Freundlichen“ zu kaufen, gängige Verschleißteile direkt hier online. Also los, holt ihn euch. Sucht statt Ostereiern Rost, das macht Spaß.

Mercedes-Benz E-Klasse
Baujahr: 1999
Motor: R4 Diesel
Hubraum: 1.998cm³
Leistung: 136PS
Drehmoment: 190NM
Getriebe: 5-Gang Automatik
Leergewicht: 1.560kg
Höchstgeschwindigkeit: 198km/h
Beschleunigung 0-100: 12,2s

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